(Bilingual Feature in English and German/ original quotes)
Lokalaugenschein in Bosnien und Herzegowina.
Ob notdürftig mit Holz vertäfelt oder behelfsmäßig mit Beton verputzt: Unübersehbar zeugen die Einschusslöcher an den Häuserfronten vom einstigen Krieg zwischen Serben, Bosniaken und Kroaten. Viel tiefer aber reichen die Spuren im Gedächtnis der Menschen. Allein in Sarajewo sind während der Belagerung zwischen 1992 und 1996 mehr als 10.000 Einwohner ums Leben gekommen.
// Some are provisionally covered by cement or wood, but most are not: Pockmarks in the walls of buildings still bear witness to the Yugoslav War. Between 1992 and 1996 Serbian troops laid siege to Sarajevo. More than 10,000 citizens died during that time. Two decades later, their families and friends live next door to their former enemies, as citizens of a new country named Bosnia and Hercegovina (BiH). All three ethnicities, Bosnians, Croatians and Serbs, are still struggling with the war’s aftermath. //
Im Juli 1995 ließ u.a. Ratko Mladić, General der serbischen Truppen in der Gegend um den Ort Srebrenica ungefähr 8000 Menschen hinrichten, darunter vor allem muslimische Jungen und Männer. Die Region gehörte damals zur Schutzzone der UNO. Das Massaker von Srebrenica gilt heute als größtes Kriegsverbrechen Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Heftig umstritten gilt es zudem als Symbol für die bis heute unaufgearbeiteten Ressentiments innerhalb der Gesellschaft. Schätzungen zufolge starben im Bosnienkrieg etwa 100.000 Menschen. Der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic und der einstige Militärchef Ratko Mladic wurden als Hauptverantwortliche für den Völkermord in Srebrenica vor dem Haager Tribunal angeklagt.
Während viele junge Menschen am liebsten den Krieg und seine Folgen vergessen möchten, steckt besonders die politische Elite in der Vergangenheit fest, kommentiert Ales Balet die Lage. Balet arbeitet als politischer Berater für den Hohen Repräsentanten in Sarajewo (OHR). Die internationale Organisation hat seit 1995, durch den sogenannten Vertrag von Dayton, das Mandat, sich vor Ort für die Implementierung der Friedensbedingungen einzusetzen. Konkret agiert die Organisation als Mittler, Moderator und Unterstützer zwischen den Lagern, Institutionen und Eliten. Das Land sei stabil, der Frieden soweit gesichert, die Herausforderung heiße nun, so Balet, den Willen zur Reform zu aktivieren und einen Ausweg aus der Stagnation zu finden.
Igor Golijanin ist in den Vierzigern, Radfahrer und Serbe. Beim Mittagessen in einem noblen Lokal Sarajewos erzählt er jedoch nicht von seiner Rolle als Präsident der Fahrrad-Gemeinschaft BiH, sondern von seiner Arbeit als Kabinettchef des Bürgermeisters der Stadt Ost-Sarajewo. Er wolle die Menschen Bosnien und Herzegowinas aus ihren nationalen Ecken locken und zusammen die Probleme angehen. Gemeinsame wirtschaftliche Interessen seien hier das gemeinsame Ziel. ”We cannot agree about history”, so Golijanin in fließendem Englisch, “but we agree on tourism”. In diesem Wirtschaftszweig liege nach Ansicht des Politikers die größte Chance. Man müsse mehr zahlungskräftige Reisende in die Stadt locken. Dafür soll demnächst ein politisch umstrittenes Projekt endlich umgesetzt werden: Eine Seilbahn auf den Trebević. Medienberichten zufolge, soll im Frühjahr 2015der erste Mast der einst im Krieg zerstörten Bahn aufgestellt werden. Drei Millionen Euro seine dafür aus der Schweiz geflossen - eine Spende des Bergbahn-begeisterten US-Amerikaners Edmond Offerman. Zusätzlich soll die Stadt einen Kredit in Höhe von drei Mio. Euro aufnehmen, um alle Kosten abdecken zu können. Die Hoffnungen und Erwartungen auf eine lohnende Investition sind groß.
“Bosnia is backtracking in some areas,” says Ales Balut, political consultant for the High Representative (OHR). According to him, BiH is confronted with several political problems: The federative structure of the Bosnian entity has led to severe problems. And Republika Srbska is facing rising nationalism and separatism. Moreover, some politicians are blocking the legislative process.“ They were all focused on issues that are faced with war,” Balut says, adding that this had been preventing the state from moving forward. The OHR finds himself in a divided country with a barely developed political culture. “When the political will won’t change, you can’t change the country. (…) You need a generation with new political leaders,” Balut says.
// Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung ist arbeitslos. Laut Angaben der Weltbank haben 58 Prozent der 15- und 24-Jährigen keine feste Arbeit. “Im Land leben mehr Rentner als Beschäftigte. Die Gehälter stiegen in den letzten vier Jahren um 20, die die Renten um 14 Euro, aber der Lebensmittel-Warenkorb wurde um 90 Euro teurer”, fasste jüngst die Frankfurter Rundschau die soziale Situation zusammen. //
Wie Politiker die Glaubensunterschiede der Bevölkerung nutzen, um Wählerstimmen zu erhalten, hätte laut Igor Golijanin auch der diesjährige Wahlkampf wieder gezeigt. Trennende Themen, wie die öffentliche Präsentation religiöses Symbole, dominierten die politische Rhetorik. Sarajewos Stadtbild verdeutlicht die enge Konzentration der verschiedenen Religionsgemeinschaften: Die Türme orthodoxer Kirchen sowie protestantischer und katholischer Gotteshäuser prägen das Bild ebenso wie die Minarette vieler Moscheen und die Kuppeln aschkenasischer und sephardischer Synagogen. Der Reichtum an kultureller Vielfalt birgt touristisches Potential. Den Tourismus zu beleben sei besonders nach den Protesten im Frühling wichtig, meint auch Adnan, der deutschsprachigen Touristen Stadtführungen anbietet. Bosnien hätte damit die Chance vertan, einen besseren Ruf im Ausland zu bekommen. Nun sei das Land, das Adnan nach Jahren in Deutschland wieder ein Zuhause bietet, erneut in die Rolle eines instabilen Landes am Balkan geschlittert.
Trotz allem scheinen die Gräben zwischen den Ethnien nicht unüberwindlich. Vor allem jüngere Teile der Bevölkerung plädieren für ein geeintes Land, und für eine neue Führung, die sich mehr den sozialen und wirtschaftlichen Problemen als den alten Konflikten zuwendet. In den Februar-Protesten dieses Jahres äußerten zehntausende Menschen, Angehörige beider Landesteile, ihre Wut auf den Straßen. Selbst wenn die Proteste abgeklungen sind, zeugen noch heute Plakate mit den Parolen der Unzufriedenen im Park gegenüber des Regierungsgebäudes. - Ein Zeichen, dass Bosniens Zivilgesellschaft nicht so tief schläft wie vermutet?
// Bosnia is now facing “home-made problems,” says Ljiljana Zurovac, Executive Director of Bosnia’s Press Council. She is referring to rampant corruption among the political elite and political frustration on the part of voters. Freedom of the press is another problem. Journalists are afraid of judicial repression, Zurovac says. As a result, they exercise self-censorship and “have to be more creative in quoting than anywhere else”. Six universities offer study programs for journalists, but most graduates soon find themselves in PR jobs. “That means security and money,” Zurovac says. This is a trend seen not only in Bosnia, but also in a lot of other Eastern European countries. Nevertheless, Zurovac is optimistic about Bosnia’s future: “Things will change, because they must change,” she says. “It’s time to awake!” //
Write your story here. (Optional)
© 2026 Neubacher Daniela