Victory Day. In Reih und Glied stehen sie am Ala-Too Platz in Bischkek. Eine strenge Frauenstimme ordnet Befehle über den Lautsprecher an. Manche Kinder sind unkonzentriert und albern. Andere sind einfach verwirrt. Muss nun die rechte oder die linke Ähre in die Höhe gehalten werden? Folgt jetzt der Teil, wo alle gemeinsam in die Mitte laufen? Die Kinder Bischkeks bereiten die Siegesfeier vor. Es ist ein fremder Krieg, von dem die Heldenbilder auf den Transparenten erzählen. Ein fremder Sieg, der das Leben vieler Großeltern kostete. Eine fremde Union, deren Schäden bis heute ihr Leben und das ihrer Eltern prägen. Die Ähren stehen für die unzuverlässigen Brotlieferungen während des Krieges, wurde ihnen erklärt. Doch ihre Generation hat bereits selbst miterlebt, was es heißt inmitten von Unzuverlässigkeit und Chaos zu leben.
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Im März 2005 erlebte Kirgistan die sogenannte Tulpenrevolution. Das Regierungsgebäude in Bischkek wurde gestürmt, Präsident Askar Akajew gestürzt. Doch der neue Präsident, Kurmanbek Bakijew, hielt seine Versprechen zur Abschaffung der Vetternwirtschaft und zur Wahrung der Pressefreiheit nicht ein. 2010 erschütterten erneut gewaltsame Demonstrationen das Land. Bei ethnischen Auseinandersetzungen verloren mehrere hundert Menschen das Leben. Bis heute stehen die Wunden zwischen Usbeken und Kirgisen offen.
Die unzufriedene Bevölkerung erreichte mit den Demonstrationen schließlich ein Verfassungsreferendum. 2011 wurde der einstige Oppositionsführer neuer Präsident. Es war der erste friedliche Machtwechsel seit 1991. Mit Almasbek Atambajew sollte nun Ruhe ins Land einkehren. Doch auf dem Weg zur Stabilität, liegen für Kirgistan noch einige Hürden.
Lenin-Statuen, fünfzackige Sterne, Hammer und Sichel an Häusergiebeln - Auch die jüngste Generation wächst mit den sowjetischen Symbolen auf. Denn die Zeichen der Vergangenheit sind im Stadtbild Bischkeks nach wie vor präsent. Sie zeugen von dem schwierigen Verhältnis zwischen Geschichtsaufarbeitung und politischer Stabilität. Die junge Republik steckt in den Kinderschuhen. Im Schatten der Nationenbildung gedeihen Diskriminierung und Repression.
Die Siegesfeier bietet da gute Gelegenheit, die schönen Seiten zu betonen. Zur Feier des Tages erstrahlt Bischkek daher auch in den Farben der Nationalflagge. Rot symbolisiert Tapferkeit, Mut und Sieg. Gelb steht für Frieden und Ruhe. (120.000 Menschen aus der damaligen Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik verloren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben. 50.000 davon waren Zivilisten.)
Angesichts fehlender Perspektiven am Arbeitsmarkt zieht es viele ins Ausland. Kirgistan ist abhängig von den Überweisungen seiner im Ausland lebenden Gastarbeiter. Nach Angaben der Weltbank stammt mehr als 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus diesen Geldflüssen. Nur die tadschikische Volkswirtschaft verzeichnet noch eine größere Abhängigkeit. (Jene Gelder, welche über informelle Wege ins Land kommen, scheinen in den Statistiken natürlich nicht auf.)
Zudem führen die ethnischen Spannungen zwischen der usbekischen Minderheit und der kirgisischen Mehrheit, die von Seiten der Politik etwa auch im Zuge der Unruhen 2010 instrumentalisiert wurden, zu Flucht und Migration.
”Notwithstanding these signs of progress, endemic institutional weaknesses of national and local government agencies, the unreformed judicial sector, and the intermittent rule of law continue to hamper Kyrgyzstan’s democratization.”
Doch auch diese Bilder gehören zum Alltag der Kinder Kirgistans: Übermütige SchülerInnen, die sich in der Mittagspause ein Glas Kwaß kaufen und ausgelassene junge BischkekerInnen anlässlich der Feierlichkeiten zum 1. Mai.
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